Zugrinder-Treffen 2025 in Tuttlingen

Tuttlingen

der Untere Lohhof
Kuhschule

 

Kühe, Ochsen oder gar Bullen vor einem Karren oder Pflug- das gibt es hierzulande zwar nicht mehr- oder doch? Eine kleines Grüppchen Menschen spannt wieder Rinder an, entweder als Hobby oder in die Abläufe ihres Wirtschaftsbetriebes integriert, zum Ackern, Holzrücken, in der tiergestützten Therapie, im Museum für Umzüge oder einfach nur so zum Spaß - und es werden immer mehr! Ein loser Zusammenschluss dieser Menschen und solcher, die sich dafür interessieren, ist die Zugrinder AG. Gegründet wurde sie von einer Handvoll Leute, die in den 1990er Jahren merkten, dass kaum noch jemand diese Kulturtechnik beherrscht, unter anderem Jörg Bremond und Rolf Minhorst, die beide auch diesmal wieder dabei waren. Seitdem trifft sich die für alle offene Gruppe einmal jährlich mit 40-60 Leuten, meist an einem Februarwochenende, bei einem oder einer Zugrinderführer/in. Der oder die Einladende zeigt dann sein Schaffen. Es wird ein Wochenende lang zusammen gearbeitet, gefachsimpelt und Techniken und Geräte gezeigt. Nicht zuletzt wird auch viel über das Verhalten von und die Kommunikation mit den Rindern gesprochen, denn wissenschaftliche Literatur gibt es kaum dazu, das Wissen kommt von Praktikern. Ohne Kommunikation gibt es kein gemeinsames Arbeiten.

so viele Leute?

 

 

 

Dieses Mal fand das Treffen bei strahlendem Sonnenschein, einer dünnen Schneedecke und Temperaturen um die -3°C bei Anne Wiltafsky und ihrer Familie in Tuttlingen statt, gut 20km nordwestlich vom Bodensee. Damit trafen wir uns auch dieses Mal wieder auf einem Hof, der eine bedrohten Rinderrasse als Zugtiere einsetzt, nämlich Vogesenrinder. In Frankreich werden sie als autochtone, gefährdete Rasse staatlich gefördert. Anne hat ihre vier Kuhkälber jedoch im Saarland gekauft, bei einem der wenigen Betriebe in Deutschland, die sie in der Landschaftspflege einsetzen und teilweise auch melken. Biscuit und Beaux sind jetzt 7 Monate, Onni und Belle sind etwas jünger und erst seit 6 Wochen bei Anne. Außerdem lebt bei Annes Familie noch Geanna, eine 14 Jahre alte Holstein-Fleckvieh Kreuzung.

Milch, mehr Milch, ...

Annes Spezialität sind Verhalten von und tiergerechter Umgang mit Arbeitsrindern und sie hat schon viele Rinder ausgebildet. An ihrer momentanen kleinen Truppe zeigte sie uns an diesem Wochenende, wie man Kälber spielerisch an ihre späteren Aufgaben heranführen kann. Gezielt nutzt sie dabei natürliche Bedürfnisse und Impulse der Tiere für die Ausbildung, wie zum Beispiel das Bedürfnis, nach der Milchmahlzeit zu spielen: Jeder Rinderhalter kennt das „auf der Stelle im Kreis hüpfen“ schon der ganz jungen Kälber, direkt nachdem sie sich an der Mutter oder dem Eimer mit Milchaustauscher sattgetrunken haben. Diesen Energieimpuls nutz Anne nach der Eimertränke, um mit den Kälbern gemeinsam zu rennen, über Hindernisse zu springen oder eine Treppe hinaufzugehen (s. Foto). Die natürliche Neugier beim Spiel wird genutzt, um die Tiere an fremde Gegenstände heranzuführen, die sie einmal ziehe sollen. So werden ihnen z.B. „Damenjogasocken“ (Foto) mit Gumminoppen zum Treppensteigen im Haus angezogen. Dabei lernen die Kälber gleich, die Füße zu geben, was sehr nützlich ist, wenn sie später über die Stränge treten oder die Klauen geschnitten werden müssen.

Ratsch beim Buffet

 

 

 

Nach dem überraschenden Lauf mit Beaux in den 2. Stock und über den Heuboden am Hang wieder hinaus, gab es draußen ein Buffet mit allem, was die Teilnehmer selbst mitgebracht hatten, dazu eine heiße Linsensuppe und heiße Getränke. Zwei Feuer und Sitzgelegenheiten mit Decken luden zum gemütlichen Zusammensein ein. Am Rande dieser Veranstaltungen werden Fertigkeiten wie Spleißen (Foto) oder Kenntnisse über Klauenschuhe weitergeben.

Nachmittags wurden auf der schneebedeckten Weide gemeinsam diverse Gegenstände zu einem „Parkour“ aufgebaut, unter anderem meterlange, bunte Gummiwürste, eine Kinderplastikrutsche und ein Schlagzeug. Zunächst näherten sich die Tiere vorsichtig den einzelnen Gegenständen, beschnupperten sie dann einzeln und bewerteten sie jeweils am Ende der Untersuchung durch Belecken als harmlos. Dieses Untersuchen sollte man den Tieren auch an erstmals zu ziehenden Ackergräten zugestehen, bevor man sie davor spannt.

Mit einem niedlichen kleinen Kälberkummet wurde dann eines der größeren Kälber angespannt und zog eine der leichten Gummiwürste durch den Hindernis - Parkour. Die anderen schlossen sich freiwillig und freilaufend an und konnten so ebenfalls die Angst vor dem sie verfolgenden Ungetüm verlieren.

Zeit zum Entspannen

Abends wurde in der Lochmühle zusammen gegessen und danach, wie bei diesen Treffen üblich, konnte jeder Bilder oder Filme von seiner Arbeit mit Zugrindern zeigen. Die Tierärztin Elke Treitinger hielt einen Vortrag mit dem Titel „Fressen will gelernt sein“. Darin zeigte sie, wie Kälber im Gegensatz zur Lehrmeinung bereits teilweise mit 3 Tagen anfangen wiederzukäuen und am ersten oder 2. Tag schon Heu aufnehmen - allerdings noch nicht mit der gleichen Fress-Technik wie ihre Mütter, das müssen sie erst lernen. Dazu schauen sie sich vieles ab. Das können sie aber nur, wenn erwachsene oder zumindest ältere Rinder anwesend sind. Bei Kälbern ohne solchen Kontakt bei der Futteraufnahme verzögert sich die Entwicklung um 2 bis 3 Wochen. Sie plädierte daher für ein Heu - Angebot bereits ab dem ersten Tag.

Philippe Kuhlmann zeigte beeindruckende Bilder und Filme von seiner Arbeit mit Vogesen -Zugochsen und - Bullen im Wald. Er ist der einzige mir bekannte Landwirt, der komplett ohne Traktor Ackerbau, Grünland und Wald bewirtschaftet, z.Z. 40ha in der Creuse.

Edwin Rotzal wartete mit Bildern aus dem Januar auf: Holzrücken mit Ben und Bubi, Rindern der Familie Döring. Eindrucksvolle Szenen mit der Dampflok der örtlichen Schmalspurbahn.

Ruben Klemm, 19 Jahre alt, überraschte mit Bildern von Heuernte, Mist fahren und anderen Arbeiten, die ausschließlich mit 2 spät kastrierten Zugochsen und einem Pferd erledigt wurden. Der Betrieb liegt in Pobiedna, Polen, nahe der tschechischen Grenze und knapp 50km südöstlich von Görlitz. Er wird von seinen Eltern mit ihm und seinen 2 Brüdern bewirtschaftet.

Auch ich zeigte Bilder von den naiven Anfängen meiner Arbeit mit Spannkühen und -ochsen von 2006 bis heute auf der Domäne und auf dem Auenhof in Pabstthum mit Niederungsrindern und Rotem Höhenvieh.

Am Sonntag Vormittag ging es nach dem Frühstück in kleinen Beiträgen aus der Praxis um Hufschuhe, darum, wie man durch kleine Feilspuren an den Hörnern deren Wachstumsrichtung manipulieren kann und darum, ob und wenn ja wie die Kopfform und die Haarwirbel auf selbigem auf den Charakter eines Rindes schließen lassen. Die Gespräche wurden auf einem schönen Schneespaziergang mit dem kleinen Viererzug der Kälber und Annes Tochter reitend auf Geanna fortgeführt. Zurück am Hof wurden am Feuer die Reste vom Buffet verputzt. Mit Fahrrädern, Zug oder Auto machten sich die Angereisten wieder auf den Heimweg, inspiriert und bereichert mit neuen Ideen.

Besonderer Mut und Freude macht nicht nur die Teilnahme einer Reihe jüngerer Leute, die ernsthaft interessiert und teilweise schon sehr weit in das Thema Zugrinder eingestiegen sind, sondern auch bereits mit Rindern abeiten und trainieren. Diese Kulturtechnik, die so viele Vorteile hat - ökologische, soziale und sogar ein paar ökonomische - schafft es so vielleicht erneuert in unsere Zukunft.

Wer sich für Veranstaltungen zum Thema Zugrinder interessiert findet diese auf unserer Webseite oder auch im Zugrinder-Teil des Pferdekutscher-Forums

Eure Astrid Masson

Ansprechpartner für Huf-/bzw. Klauenschuhe:

Franz Balmer

https://www.hufpfleger-schweiz.ch/

 

Ansprechpartner für Dreirad-Wagen:

Randoline bzw. Escargoline

https://www.randoline.com/de/seine-escargoline-waehlen/